Altenburg. Um 19.31 Uhr geschah etwas Außergewöhnliches im Kreistag des Altenburger Landes. Kaum hatten die Kreisräte am Mittwochabend mit 41 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung in ihrer ersten Sitzung nach der Corona-Pause den Schulnetzplan bis 2025 beschlossen, brandete Beifall auf der Tribüne des Goldenen Pfluges auf. Es dauerte nur Sekunden, bis daraus hemmungsloser Jubel wurde. Vereinzelt waren auch Bravo-Rufe zu hören.

Der Sturm der Begeisterung in der Altenburger Stadthalle kam von etwa 30 Schülern, Eltern und Lehrern von Bildungseinrichtungen des Altenburger Landes – vornehmlich aus Ponitz, Dobitschen, Großstechau, Lucka und Umgebung. Grund: Mit dem Plan beschlossen die Kreisräte, dass alle ihre Standorte erhalten bleiben. Wenngleich auch modifiziert oder mit Galgenfrist. Damit gingen die Volksvertreter in Opposition zu Bildungsministerium und Schulamt, wo man wegen fehlender Schüler, zu langer Wege und fehlenden Personals Klassenverlagerungen und Schließungen favorisiert hatte.

So verliert die kleine Grundschule Ponitz (ca. 40 Schüler) mit dem 31. Juli zwar ihre Eigenständigkeit und wird ab 1. August als Filiale der Grundschule Gößnitz weiterbetrieben. Aber entgegen den ursprünglichen Plänen von Schul- und Landratsamt, die fraktionsübergreifend ablehnt wurden, entgeht sie damit der völligen Schließung, die in diesem Sommer vorgesehen war. Das ist zugleich ein historischer Schritt. Denn damit entsteht die erste Filialschule in Ostthüringen, was durch einen vereinten Schulbezirk möglich wird.

Durch aufgehobene Schulbezirke ermöglicht der Kreis ab 1. August dieses Jahres zudem Kooperationen der Grundschulen Großstechau und Thonhausen und ab 1. August 2021 auch der Regelschulen Lucka und Meuselwitz. Dadurch bleiben hier alle bedrohten Standorte bestehen.

Parallel zur Öffnung der Schulbezirke wird zudem ergebnisoffen der Neubau einer Grundschule im Bereich Oberes Sprottental/Nöbdenitz geprüft, um die Anforderungen des Schulgesetzes für Thonhausen/Großstechau dauerhaft erfüllen zu können. Weiterhin erhalten bleibt auch die Regelschule in Dobitschen, die Landrat Uwe Melzer (CDU) wegen fehlenden Brandschutzes und zu wenigen Schülern in Klasse 10 eigentlich zumachen wollte. Doch insbesondere hier wie auch in Ponitz kämpfte man massiv und erfolgreich für den Erhalt, was sich am Mittwoch in Euphorie entlud.

„Das ist eigentlich unzulässig“, kommentierte der Kreistagsvorsitzende Christian Gumprecht (CDU) die verbotene Klatscherei mitsamt den Zwischenrufen von den Zuschauerrängen. Anstatt ernsthaft zu intervenieren, ließ der Ex-Landrat jedoch Milde walten: „Aber gut. Die Kreisräte sind sicher auch erleichtert.“

Das waren sie nach fast zwei Jahren mitunter heftiger Debatten um den neuen Schulnetzplan. Die Quadratur des Kreises aus Anforderungen des Schulgesetzes, politischen Versprechen und Vor-Ort-Wünschen spiegelten auch die Redebeiträge in dem mit anderthalb Stunden längsten Themenblock der insgesamt knapp fünf Stunden dauernden Sitzung wider.

Während CDU-Fraktionschef Christoph Zippel den Plan als „ganz viel Kunst“ bezeichnete, mahnte Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade (SPD) künftig weniger zu fragen, was Schulamt oder Ministerium gefalle, sondern mehr Mut zu eigenen Entscheidungen zu haben. Michaele Sojka (Linke) fragte sich indes, warum man die Entscheidung um ein Jahr verschoben habe, wenn „alles bleibt, wie es ist“ und kritisierte das Schulamt Ostthüringen aufgrund seiner mangelhaften Lehrersuche.

Ein Wermutstropfen bleibt aber für die Jubelnden: Die von Ponitzer Eltern in Eigeninitiative gefundene und für den Erhalt ihrer Schule nötige Lehrerin ist noch nicht eingestellt. Dies und andere laufende Einstellungsverfahren nutzte laut Ingo Prehl (Grüne) die Gößnitzer Schulleiterin, um erneut Ängste zu
schüren, dass sie „eine Garantie
für das Filialmodell“ nicht geben könne und illustrierte damit „die mangelnde Solidarität unter den Schulen“ sowie „die mangelnde Kooperation von Schulamt und Schulleitern“.

Hier setzte Marcel Greunke (CDU) noch einen drauf. Bildungsminister Helmut Holter (Linke) „hat das Schulamt Ostthüringen nicht im Griff“, sagte der Ponitzer Bürgermeister. Und auch darin waren sich die meisten Beteiligten abseits ihrer Erleichterung einig.